20 % der Bevölkerung tragen eine bestimmte Erbanlage E. Aus dieser Bevölkerung werden
12 Personen gezogen, zufällig und unabhängig voneinander. X zählt, wie viele der 12
die Erbanlage tragen.
Gefragt sind drei Wahrscheinlichkeiten, die sehr ähnlich klingen:
- (i) genau zwei Träger
- (ii) mindestens zwei Träger
- (iii) mehr als zwei Träger
Teil (iv) fragt, wodurch der Unterschied zwischen (ii) und (iii) entsteht. Die Antwort darauf
ist der eigentliche Inhalt der Aufgabe.
Der Weg in fünf Etappen:
- Eine einzelne Person ansehen: zwei Ausgänge, p=0,2.
- Zwölf Personen zusammen: das ist die Binomialverteilung.
- Die Binomialformel aufschreiben und ihre drei Teile benennen.
- Damit nur drei Einzelwerte berechnen: P(X=0), P(X=1), P(X=2).
-
Alle drei gesuchten Wahrscheinlichkeiten sind Summen und Differenzen dieser drei Werte — für
(ii) und (iii) über das Gegenereignis.
Die beiden Balken links zeigen dabei immer dasselbe: oben die Wahrscheinlichkeit des
Gegenereignisses, unten die fertige Antwort der gerade bearbeiteten Teilfrage.
Merke: „Mindestens zwei“ schließt die Zwei ein, „mehr als zwei“ schließt sie
aus. Der Unterschied ist deshalb genau die Wahrscheinlichkeit für zwei — und die ist
hier mit 28 % groß.
Zur Musterlösung: Ihre R-Ausgaben weichen ab der fünften Nachkommastelle ab. Schritt 12
rechnet das nach und zeigt eine Probe, mit der man selbst entscheiden kann, welche Zahlen
stimmen. Auf vier Stellen sind beide Fassungen gleich.
p=0,2,
1−p=0,8
Zuerst die Prozentangabe umrechnen. „20 %“ heißt „20 von 100“, also 20%=10020=0,2. Diesen Wert nennen wir p.
Nun schauen wir auf eine Person. Für sie gibt es nur zwei Ausgänge: Sie trägt die
Erbanlage oder nicht. Ein Versuch mit genau zwei Ausgängen heißt
Bernoulli-Experiment.
Der eine Ausgang wird „Erfolg“ genannt — das ist nur ein Name für „der Fall, den wir
zählen“, hier also das Tragen der Erbanlage:
- P(E)=p=0,2 — Erfolg
-
P(Ec)=1−p=0,8 — kein Erfolg. Das Zeichen Ec steht für das
Gegenereignis („Komplement“) von E.
Mehr braucht ein Bernoulli-Experiment nicht: eine einzige Zahl p.
X∼B(12;0,2)
Der Versuch wird n=12 mal wiederholt. Zwei Bedingungen sind laut Aufgabe erfüllt:
- Unabhängig: Die Auswahl einer Person sagt nichts über die nächste.
-
Gleiches p: Bei jeder Person sind es dieselben 20 %. Die Gruppe ist groß genug,
dass sich der Anteil durch das Ziehen nicht merklich ändert.
Zählt man unter diesen Bedingungen die Erfolge, ist X binomialverteilt.
Geschrieben: X∼B(n;p), hier X∼B(12;0,2). Das Zeichen ∼ heißt „ist
verteilt wie“.
Die Menge der Zahlen, die X ausgeben kann, heißt Zielraum Ω′ (gesprochen
„Omega Strich“): Ω′={0,1,…,12} — von keinem Träger bis zu allen zwölf.
Aus Blatt 3, Aufgabe 1 („Von den Einzelwahrscheinlichkeiten zur
Verteilungsfunktion“):
Ω enthält die Ergebnisse des Zufallsversuchs selbst,
Ω′ die Zahlen, die die
Zufallsvariable daraus macht.
P(X=k)=(k12)0,2k0,812−k
Die Formel setzt sich aus drei Stücken zusammen. Jedes hat eine eigene Bedeutung:
-
0,2k — die k Träger, jeder mit Wahrscheinlichkeit 0,2. Multipliziert,
weil die Personen unabhängig sind.
- 0,812−k — die übrigen 12−k Personen, jede ohne die Erbanlage.
-
(k12) — wie viele Möglichkeiten es gibt, welche k der 12 Personen die
Träger sind. Jede dieser Möglichkeiten hat dieselbe Wahrscheinlichkeit, deshalb wird
multipliziert.
Aus Blatt 3, Aufgabe 1 („Von den Einzelwahrscheinlichkeiten zur
Verteilungsfunktion“):
Dieselbe Formel, dort mit
n=3 und
p=0,6 für die Münzwürfe. Sie entsteht immer
gleich: Anzahl der Anordnungen mal Wahrscheinlichkeit einer Anordnung.
(212)=66
Zuerst das Zeichen: n! („n Fakultät“) ist das Produkt aller ganzen Zahlen von 1 bis
n. Also 12!=1⋅2⋅3⋅…⋅12 und 2!=1⋅2=2;
festgelegt ist außerdem 0!=1.
Damit ist der Binomialkoeffizient (212) (gesprochen „12 über 2“):
(212)=2!10!12!=(2⋅1)⋅(10⋅9⋅…⋅1)12⋅11⋅(10⋅9⋅…⋅1)=2⋅112⋅11=2132=66
Der Block 10⋅9⋅…⋅1 steht oben und unten und kürzt sich weg. Man
muss also keine Fakultät ganz ausrechnen. Es gibt 66 Möglichkeiten, welche zwei der
12 Personen die Träger sind.
Dann die Potenzen:
- 0,22=0,04
- 0,810=0,1073741824
Die zweite Potenz wird hier voll ausgeschrieben, weil sie sonst schon vor dem Ergebnis
Rundungsfehler einschleppt.
P(X=2)=0,2835
Die drei Stücke multiplizieren, am besten von links:
66⋅0,04=2,64
2,64⋅0,1073741824=0,283467841536
Gerundet auf vier Stellen: P(X=2)≈0,2835.
Zur Schreibweise der Zwischenwerte: Gerechnet wird immer mit dem vollen Wert; in
den folgenden Schritten sind sieben Stellen angegeben, also 0,2834678. Weil das schon
gerundet ist, steht dort ≈ statt =.
In Worten: In rund 28 % aller Stichproben von 12 Personen sind genau zwei Träger
dabei.
Das ist die höchste Säule der Verteilung. Dazu passt der Erwartungswert — die im
Mittel zu erwartende Zahl der Erfolge. Bei einer Binomialverteilung ist er n⋅p,
hier also 12⋅0,2=2,4 Träger. Anschaulich: Jede der zwölf Personen steuert im
Schnitt 0,2 Träger bei.
P(X≥2)=1−P(X≤1)
„Mindestens zwei“ heißt X≥2, also zwei oder mehr: {2,3,4,…,12}. Das sind
elf Werte. Alle elf einzeln auszurechnen und zu addieren wäre viel Arbeit.
Das Gegenereignis ist kürzer. Wenn nicht mindestens zwei Träger dabei sind, dann
höchstens einer: {X≤1}={0,1} — nur zwei Werte.
Der Komplementsatz sagt P(Ac)=1−P(A), also:
P(X≥2)=1−P(X≤1)=1−[P(X=0)+P(X=1)]
Aus Blatt 1, Aufgabe 6 („Rechenregeln am Würfel“): Der Komplementsatz
P(Ac)=1−P(A) gilt immer. Er lohnt sich, sobald das Gegenereignis weniger Fälle hat als das
Ereignis selbst.
P(X≤1)=0,2748779
k=0: Keine der 12 Personen trägt die Anlage. Es gibt genau eine solche
Möglichkeit, also (012)=1. Außerdem ist 0,20=1 (jede Zahl hoch null
ist eins):
P(X=0)=1⋅1⋅0,812=0,068719476736≈0,0687195
k=1: Genau eine Person trägt sie, und es gibt 12 Möglichkeiten, welche das ist:
(112)=12.
P(X=1)=12⋅0,2⋅0,811=2,4⋅0,08589934592=0,206158430208≈0,2061584
Summe: 0,0687195+0,2061584=0,2748779
Die beiden Fälle dürfen addiert werden, weil sie sich ausschließen: Es können nicht
gleichzeitig null und ein Träger dabei sein.
P(X≥2)=0,7251
P(X≥2)=1−0,2748779=0,7251221
Gerundet: 0,7251.
In rund 73 % aller Stichproben sind zwei oder mehr Träger dabei. Das ist fast drei
Viertel — plausibel, denn im Mittel sind 2,4 Träger zu erwarten.
Aufwand gespart: Über das Gegenereignis waren zwei Rechnungen nötig statt elf. Das
Ergebnis ist dasselbe.
P(X>2)=1−P(X≤2)
„Mehr als zwei“ heißt X>2, also drei oder mehr: {3,4,…,12}. Die Zwei selbst
gehört nicht dazu.
Damit wandert sie ins Gegenereignis: {X≤2}={0,1,2} — jetzt drei Werte statt
zwei.
P(X>2)=1−P(X≤2)=1−[P(X=0)+P(X=1)+P(X=2)]
Das ist der ganze Unterschied zu (ii): Dort endete das Gegenereignis bei
1, hier
bei
2. Eine Säule mehr wird abgezogen — und zwar die größte.
P(X>2)=0,4417
Alle drei Werte stehen schon da: P(X≤1)=0,2748779 aus Schritt 7 und P(X=2)=0,2834678 aus Schritt 5.
P(X≤2)=0,2748779+0,2834678=0,5583457
P(X>2)=1−0,5583457=0,4416543
Gerundet: 0,4417, also rund 44 %.
Der Wert liegt knapp unter der Hälfte. Auch das passt zum Erwartungswert 2,4: drei oder
mehr Träger sind etwas seltener als zwei oder weniger.
0,7251−0,4417=0,2835
Die beiden Ergebnisse voneinander abgezogen:
0,7251221−0,4416543=0,2834678
Das ist genau P(X=2) aus Teil (i). Kein Zufall: Die Menge {X≥2} enthält alles
aus {X>2} und dazu den einen Wert k=2. Bleibt also genau dieser Wert als
Differenz.
Und dieser Wert ist mit 28 % groß. Der sprachliche Unterschied zwischen
„mindestens“ und „mehr als“ ist hier also kein Detail: Er macht 28 Prozentpunkte aus.
Anders gesagt — knapp 40 % des Werts aus (ii) fallen weg, wenn man „mindestens“
durch „mehr als“ ersetzt: 0,72510,2835≈0,39.
Faustregel für Tabellen und Software: Bei „mindestens
k“ wird
P(X≤k−1)
abgezogen, bei „mehr als
k“ dagegen
P(X≤k). Wer den Index verwechselt, rechnet die
andere Teilaufgabe.
dbinom und pbinom
Diese Ergänzung geht über die Aufgabe hinaus — gerechnet ist alles schon. Sie zeigt
nur, mit welchen Befehlen man die Aufgabe in R nachrechnet.
R ist eine kostenlose Statistik-Software; die Musterlösung rechnet damit. Die
Zeile, die mit #[1] beginnt, ist jeweils die Antwort, die R
ausgibt.
-
dbinom(k, size = n, prob = p) gibt P(X=k), also die Höhe
einer Säule.
-
pbinom(k, size = n, prob = p) gibt P(X≤k), also die
Verteilungsfunktion — alle Säulen bis k zusammen.
Das d steht für density (Einzelwert), das
p für probability im Sinne der aufsummierten
Wahrscheinlichkeit.
Zu den letzten Stellen: Die Musterlösung gibt
0,2834739,
0,7250856 und
0,4416636 an. Diese Stellen lassen sich nicht nachvollziehen:
66⋅0,04⋅0,1073741824=0,283467841536 ist eine exakte, endliche Dezimalzahl, und
0,2834739 ist keine Rundung davon.
Eine Probe zeigt es ohne Taschenrechner: Nach Teil (iv) muss
P(X≥2)−P(X>2)=P(X=2) gelten. Mit den Zahlen der Musterlösung ergibt das
0,7250856−0,4416636=0,283422 — nicht ihren eigenen Wert für
P(X=2). Mit den hier
gerechneten Zahlen geht die Probe auf:
0,7251221−0,4416543=0,2834678. Auf vier
Stellen — und so wird eine solche Aufgabe angegeben — führen beide Fassungen zu
0,2835,
0,7251 und
0,4417.
| Frage |
Weg |
Wert |
| (i) genau zwei |
Binomialformel, k=2 |
0,2835 |
| (ii) mindestens zwei |
1−P(X≤1) |
0,7251 |
| (iii) mehr als zwei |
1−P(X≤2) |
0,4417 |
| (iv) Differenz |
=P(X=2) |
0,2835 |
Rückblick: Ein Modell, eine Formel, drei Antworten. Der Rechenaufwand steckt nur in
den drei Werten
P(X=0),
P(X=1) und
P(X=2); alles Weitere sind Summen und Differenzen
davon. Und der Unterschied zwischen „mindestens“ und „mehr als“ ist genau eine Säule — hier
die größte.