Ein Webredakteur macht im Mittel drei Fehler pro Monat. Gefragt ist die
Wahrscheinlichkeit, dass im Lauf eines Jahres
mindestens drei fehlerfreie Monate vorkommen.
Diese Aufgabe ist die schwierigste des Blattes, weil zwei Verteilungen
hintereinander gebraucht werden. Es hilft, die Frage in zwei Ebenen zu trennen:
-
Stufe 1 — ein Monat: Wie wahrscheinlich ist es, dass ein einzelner Monat ohne Fehler
bleibt? Hier arbeitet die Poissonverteilung.
-
Stufe 2 — das Jahr: Wie wahrscheinlich ist es, dass von zwölf Monaten mindestens drei
fehlerfrei sind? Hier arbeitet die Binomialverteilung.
Die beiden Balken links zeigen oben p und unten die Summe der bisher berechneten Einzelwerte
des Gegenereignisses. Am Ende von Schritt 9 steht dort P(X≤2); die Antwort ist 1 minus
dieser Wert.
Zur Musterlösung: Ihre R-Ausgabe weicht in der sechsten Nachkommastelle ab. Schritt 12
rechnet das nach; auf vier Stellen sind beide Fassungen gleich.
Merke: Das Bindeglied ist eine
einzige Zahl. Stufe 1 liefert
p=P(ein Monat ohne Fehler), und dieses
p ist der Parameter der Binomialverteilung in Stufe 2.
Y zählt Fehler,
X zählt Monate
Damit nichts durcheinandergeht, bekommen die beiden Ebenen verschiedene Namen:
-
Y — die Anzahl der Fehler in einem festen Monat. Mögliche Werte: 0,1,2,…
-
X — die Anzahl der fehlerfreien Monate im Jahr. Mögliche Werte: 0,1,…,12
Gesucht ist P(X≥3), nicht irgendetwas über Y. Y brauchen wir nur, um an eine
Zahl zu kommen.
Auf die Einheit achten: Y zählt Fehler,
X zählt Monate. Wer beides „Fehler“
nennt, verrechnet sich fast sicher.
Y∼Poi(3)
Die Aufgabe sagt zwei Dinge über einen Monat: Die Fehlerzahl ist Poissonverteilt, und im
Mittel sind es drei Fehler.
Der Parameter λ der Poissonverteilung ist der Mittelwert. „Im Mittel drei
Fehler pro Monat“ heißt also direkt λ=3 — da ist nichts umzurechnen.
Allgemein gilt P(Y=j)=j!λje−λ. Darin ist j die
Anzahl, nach der gefragt wird, j! („j Fakultät“) das Produkt 1⋅2⋅…⋅j mit der Festlegung 0!=1, und e≈2,71828 die Eulersche Zahl.
Geschrieben wird das Y∼Poi(λ), gelesen „Y ist Poissonverteilt mit
Parameter λ“. Hier also Y∼Poi(3) und P(Y=j)=j!3je−3.
Aus Blatt 3, Aufgabe 5 („Poissonverteilung: den Parameter aus einer Wahrscheinlichkeit
gewinnen“):
Dort war
λ unbekannt und musste erst über
P(X=0)=e−λ ausgerechnet
werden. Hier ist es umgekehrt:
λ ist gegeben, gesucht ist
P(Y=0).
p=e−3=0,0498
„Fehlerfrei“ heißt: null Fehler, also j=0. Einsetzen:
P(Y=0)=0!30e−3
Es gilt 30=1 und 0!=1, der Bruch ist also 1:
p=P(Y=0)=e−3=0,04978707≈0,0498
Den Zahlenwert liefert der Taschenrechner über die Taste ex.
Nur rund 5 % der Monate bleiben ohne Fehler — etwa jeder zwanzigste. Das ist
plausibel: Wer im Schnitt drei Fehler pro Monat macht, hat selten einen Monat ganz ohne.
Ab hier wird Y nicht mehr gebraucht. Von der ganzen Poissonverteilung wandert nur
diese eine Zahl
p=0,0498 in die zweite Stufe.
p=0,0498,
1−p=0,9502
Für die eigentliche Frage zählt an einem Monat nur noch ja oder nein: fehlerfrei
oder nicht. Ob ein nicht fehlerfreier Monat einen Fehler oder sieben hatte, ist
gleichgültig.
Damit ist jeder Monat ein Bernoulli-Versuch — ein Versuch mit genau zwei Ausgängen:
- „Erfolg“ = fehlerfrei, mit p=0,04978707
- „kein Erfolg“ = mindestens ein Fehler, mit 1−p=0,95021293
Dass „Erfolg“ hier der seltene Fall ist, stört nicht: Der Name sagt nur, was gezählt wird.
X∼B(12;0,0498)
Ein Jahr hat zwölf Monate, also wird der Bernoulli-Versuch zwölfmal durchgeführt. Die
Aufgabe sagt ausdrücklich, dass verschiedene Monate stochastisch unabhängig sind —
genau das ist die Bedingung für die Binomialverteilung.
X∼B(12;0,04978707), und damit
P(X=k)=(k12)pk(1−p)12−k
Gerechnet wird mit dem vollen Wert von e−3, nicht mit der gerundeten Angabe
0,0498 — sonst schleichen sich Rundungsfehler bis ins Ergebnis. In den nächsten
Schritten sind acht Nachkommastellen angegeben; auch die sind schon gerundet, deshalb
steht dort ≈ statt =.
Aus Blatt 3, Aufgabe 4 („Binomialverteilung: genau, mindestens, mehr als“):
B(n;p) zählt die Erfolge bei
n unabhängigen Versuchen mit gleichem
p. Der
Binomialkoeffizient
(k12) — gelesen „12 über
k“ — sagt, auf wie viele Weisen
man
k der 12 Monate auswählen kann; es gilt
(kn)=k!(n−k)!n!. Neu
ist hier nur, dass
p selbst erst aus einer anderen Verteilung kommt.
P(X≥3)=1−P(X≤2)
„Mindestens drei fehlerfreie Monate“ heißt X≥3, also {3,4,…,12} — zehn
Werte.
Das Gegenereignis ist {X≤2}={0,1,2} — nur drei Werte. Also lohnt der
Komplementsatz:
P(X≥3)=1−[P(X=0)+P(X=1)+P(X=2)]
Die drei Werte rechnen wir jetzt einzeln aus. Der Balken unten links füllt sich dabei
Schritt für Schritt: erst P(X=0), dann plus P(X=1), dann plus P(X=2) — am Ende steht
dort P(X≤2).
Aus Blatt 1, Aufgabe 6 („Rechenregeln am Würfel“): Ein Ereignis
A und sein
Gegenereignis
Ac („A Komplement“, alles außer
A) schließen sich aus und decken
zusammen alle Fälle ab. Ihre Wahrscheinlichkeiten ergeben deshalb zusammen 1, also
P(A)=1−P(Ac). Hier ist
A={X≥3} und
Ac={X≤2}.
Grenze richtig setzen: Bei „mindestens drei“ endet das Gegenereignis bei
2. Wer
P(X≤3) abzieht, schließt den Fall „genau drei fehlerfreie Monate“ aus, obwohl er
mitgefragt ist.
P(X=0)=0,541815
k=0 heißt: alle zwölf Monate haben mindestens einen Fehler. Dafür gibt es genau eine
Möglichkeit, also (012)=1. Und p0=1:
P(X=0)=1⋅1⋅0,9502129312
0,9502129312=0,54181526≈0,541815
Das ist der häufigste Fall: In rund 54 % der Jahre gibt es keinen einzigen
fehlerfreien Monat.
P(X=1)=0,340665
k=1: Ein Monat ist fehlerfrei, die anderen elf nicht. Welcher Monat es ist, kann auf
(112)=12 Weisen ausgehen.
P(X=1)=12⋅0,04978707⋅0,9502129311
Faktor für Faktor:
- 12⋅0,04978707=0,59744484
- 0,9502129311=0,57020404
- 0,59744484⋅0,57020404=0,34066538≈0,340665
In rund 34 % der Jahre gibt es genau einen fehlerfreien Monat.
P(X=2)=0,098172
k=2: Zwei Monate sind fehlerfrei. Welche zwei der zwölf das sind, geht auf
(212) Weisen:
(212)=2!10!12!=2⋅112⋅11=2132=66 — von 12! und 10! kürzt sich alles bis auf die beiden obersten Faktoren weg.
P(X=2)=66⋅0,049787072⋅0,9502129310
- 0,049787072=0,00247875
- 66⋅0,00247875=0,16359750
- 0,9502129310=0,60008028
- 0,16359750⋅0,60008028=0,09817163≈0,098172
In rund 10 % der Jahre sind es genau zwei.
1−0,980652=0,019348
Die drei Fälle schließen sich aus, also dürfen sie addiert werden:
P(X≤2)=0,541815+0,340665+0,098172=0,980652
Dann der Komplementsatz:
P(X≥3)=1−0,980652=0,019348≈0,0193
Gerechnet wurde mit dem vollen Wert von e−3; die Zwischenergebnisse sind auf sechs
Stellen gerundet angegeben, das Endergebnis auf vier: 0,0193.
Probe auf Plausibilität: 0,980652 liegt knapp unter
1 — also deckt das
Gegenereignis fast alles ab. Genau das erwartet man, wenn drei fehlerfreie Monate ein
seltener Ausnahmefall sind.
rund jedes 52. Jahr
P(X≥3)=0,019348, also rund 1,9 %.
Tritt ein Ereignis in jedem Jahr unabhängig mit Wahrscheinlichkeit q ein, so wartet man
im Mittel 1/q Jahre darauf. Mit q=0,019348 sind das 0,0193481=51,7 Jahre — so ein Jahr kommt also etwa einmal in 52 Jahren vor.
Zum Einordnen der Erwartungswert: die im Mittel zu erwartende Zahl der Erfolge. Bei
einer Binomialverteilung ist er E(X)=n⋅p, hier also 12⋅0,04978707=0,597 fehlerfreie Monate pro Jahr — nicht einmal einer. Anschaulich: Jeder der zwölf
Monate steuert im Schnitt p bei. Drei fehlerfreie Monate sind damit das Fünffache des
Erwarteten; dass das selten ist, passt zusammen.
Der ganze Aufbau in einem Satz: Die Poissonverteilung liefert eine Zahl,
p=P(Y=0); diese Zahl ist der Parameter der Binomialverteilung, und die beantwortet dann die
gestellte Frage.
exp(-3) und pbinom
Diese Ergänzung geht über die Aufgabe hinaus. Die beiden Stufen stehen in R direkt
untereinander — das macht den Aufbau noch einmal deutlich:
-
p <- exp(-3) ist Stufe 1: die Wahrscheinlichkeit für einen
fehlerfreien Monat.
-
1 - pbinom(2, size = 12, prob = p) ist Stufe 2: das
Gegenereignis der Binomialverteilung, mit genau diesem p als Parameter.
pbinom(k, size = n, prob = p) gibt P(X≤k) — deshalb
steht dort die 2 und davor das 1 -.
Dass in der zweiten Zeile p als
prob eingesetzt wird, ist das Bindeglied zwischen den beiden
Verteilungen.
Zu den letzten Stellen: Die Musterlösung gibt
0,01934925 an. Nachgerechnet ist
1−P(X≤2)=0,0193476; auch mit dem gerundeten
p=0,04979 käme
0,0193506
heraus, nicht
0,0193493. Auf vier Stellen — und so wird eine solche Aufgabe angegeben
— stimmen beide Fassungen überein:
0,0193.
| Stufe |
Verteilung |
Ergebnis |
| 1 — ein Monat |
Y∼Poi(3) |
p=0,0498 |
| 2 — das Jahr |
X∼B(12;0,0498) |
P(X≤2)=0,9807 |
| Antwort |
Komplementsatz |
P(X≥3)=0,0193 |
Rückblick: Vier Gedanken, in dieser Reihenfolge. Erst die Ebenen trennen: Fehler im
Monat gegen Monate im Jahr. Dann mit der Poissonverteilung die eine Zahl
p=e−3 holen.
Dann die zwölf Monate als Binomialverteilung mit diesem
p auffassen. Und zuletzt über das
Gegenereignis rechnen, weil drei Werte weniger Arbeit sind als zehn.